Ausflug in das Saarland 2018 --- Reisebericht von Sue

Dicht beieinander steht unsere Mannschaft zwischen Handwerkergasse und Sinteranlage. Vor uns erhebt sich die Völklinger Hütte, eine gewaltige Industrieruine der Stahlherstellung, ein riesiges Monument aus Rost und Eisen.  

Wir lauschen den Ausführungen unseres Fremdenführers Julian, der versucht die Atmosphäre der damaligen Zeit erzählerisch zurückzuholen: um aus dem Eisenerz der heimischen Erde Roheisen zu gewinnen, mussten Feuer, Wasser und Luft gebändigt werden: Fauchende Maschinen verursachten einen ohrenbetäubenden Lärm; der Abstich der Schlacke am Hochofen lässt die Funken sprühen; gleißend helles Licht entsteht, wenn der flüssige Stahl mit Zuschlägen versetzt wird. In der Gebläsehalle stehen wir neben gigantischen Schwungrädern, die enorme Mengen an Öl in der Luft verteilt haben müssen. Noch heute klebt der Ölfilm an den eisernen Hallengestellen und man kann sich lebhaft vorstellen, wie der beißende Dampf den Arbeitern den Atem raubte.

In der Glanzzeit der Schwerindustrie Mitte des 20 Jahrhunderts arbeiteten auf dem Areal des damals modernen Stahlwerkes fast 17.000 Menschen. Zur besseren Verhüttung wurden dem Roheisen Schrott, Kalk und Staub zugesetzt und durch die Kamine der Winderhitzer in die Atmosphäre geblasen. Der Himmel über Völklingen muss damals gruselig grau gewesen sein.

Unser Fremdenführer Julian deutet indes auf ein nahegelegenes Kupferdach der evangelischen Kirchgemeinde, dass durch den Rußgehalt der Abgase unaufhörlich zerfressen und jährlich großzügig auf Kosten des Stahlwerks erneuert werden durfte. Das Unternehmen florierte und mit ihm erstarkte die ganze Umgebung. Finanzielle Mittel flossen wie der Stahl aus der Hütte, der Umweltschutz aber führte ein klägliches Schattendasein.

„Immer, wenn der Wind drehte und dann die schmutzige Luft vom östlich gelegenen Völklingen herüberwehte, erklärte Barbaras Mutter mit ruhiger Stimme, musste in dem nahegelegenen Wadgassen die Wäsche draußen abgehängt sein, sonst war die ganze Arbeit umsonst. Barbaras Mama erzählt von ihrer Heimat; wie die Völklinger Hütte den Alltag der Gesellschaft prägte und den Takt des Lebens vorgab. Wie man vom Aufschwung profitierte und mit dem Dreck zu leben lernte.

Barbara kommt aus dem Saarland. Sie hat unseren diesjährigen Vereinsausflug organisiert und möchte uns Eindrucksvolles wie Bewegendes aus ihrer Geburtsstadt zeigen; die Völklinger Hütte war ein zentraler wie abenteuerlicher Auftakt unseres Ausflugs. Nach Sinteranlage, Gebläse- und Möllerhalle, dürfen wir nun das Kernstück der Völklinger Hütte, die Hochofengruppe mit Gichtbühne und Kokserei, ansehen.

Mit Häubchen und Helmen ausgestattet, führen uns stählerne Stufen auf die 27m hohe und auf einer Länge von 240 Metern begehbare Gichtbühne. Zwischen ehemals kilometerweit zu hörenden quietschenden Hängebahn-Loren, die das Eisenerz transportierten, können wir heute in Ruhe die gesamte Industrieanlage von oben betrachten.

Wer sich traut, kann noch die etwa vierzig Meter hoch-gelegenen Wind-erhitzer erklim-men und von dort einen weit-läufigen Rundblick übers Saarland genießen.

 

Das Areal der Völklinger Hütte, in dem die Stahlherstellung seit 1986 stillgelegt ist und das 1994 zum Weltkulturerbe ernannt wurde, hat sich in den letzten Jahren durch zahlreiche Kulturveranstaltungen, darunter auch temporäre Kunstausstellungen, einen Namen gemacht. Berry Cawston fotografierte das Projekt „Dismaland“ des namhaften aber unbekannten Urban-Art Künstlers Banksy. Wer Zeit und Muße hatte, konnte sich die Bilderausstellung ansehen, die aktuell in den betonierten Industrieräumen der Möllerhalle bemerkenswert zur Geltung kam.

Beeindruckt verlassen wir das Weltkulturerbe und machen uns auf den Weg zu unserer gemeinsamen Unterkunft.

Wenn man heutzutage Saarbrücken auf der Stadtautobahn Richtung Völklingen verlässt, erscheint das gigantische Stahlwerk schon von Weitem auf der rechten Seite und hebt sich mit seinen rostigen Türmen nahezu bizarr vom strahlend blauen Himmel ab. Nun aber sind wir wieder auf dem Weg zurück in die saarländische Hauptstadt und das anmutiges kleine Familienhotel Weller in einem schicken Saarbrücker Bezirk ist unser Ziel.

Einige Vereinsmitglieder checkten bereits vor dem Ausflug nach Völklingen am Vormittag ein, andere tauchten erst jetzt auf. Codes und Schlüssel machten es möglich. „Wir“ waren bereits vor dem Besuch der Völklinger Hütte als erste da.

„Alle Zimmer sind schon geräumt und sauber“, stolz präsentierte uns die Rezeptionistin eine ganze Reihe von Schlüsseln zur Auswahl. Wir entschieden uns für Zimmer unterm Dach, natürlich. Mit Sack und Pack machten wir uns über die knarrenden Stufen auf den Weg zu unserem Domizil ganz nach oben. Eines war frei, bei dem anderen schien der Schlüssel nicht ins Schloss zu passen. Zimmer- und Schlüsselnummer stimmten zwar überein, aber weder Rütteln noch Schütteln halfen uns beim Zutritt. Ratlos gaben wir auf, bis sich die Tür plötzlich von alleine öffnete und ein jugendlich verknautschtes Gesicht uns fragend anblickte. Wer den Halbwüchsigen beim Saubermachen wohl übersehen hat? Dem verkaterten Aussehen nach hat sich der Junge wahrscheinlich erst nach der Putzrunde heimlich ins frischgemachte Bett geschlichen. Wir deponierten unser Gepäck in dem freien Zimmer und gönnten ihm eine weitere Runde Schlaf.

Am Nachmittag wollten wir gemeinsam den Ulanen-Pavillon, einen gemütlichen Biergarten „am Staden“ besuchen, als sich auf dem Weg dorthin, bei den meisten Karatekas der Hunger meldete und Barbara die Gruppe über den St. Johanner Markt in die Innenstadt zum Staatstheater führte.  Dort gab es auf dem großen Tbilisser Platz zum Thema „Organspende“ eine große Veranstaltung und wir konnten die ersten saarländischen Spezialitäten wie Dibbelabbes, Schaales oder Lyonerpfanne probieren, denn im Saarland geht nichts ohne Leibgerichte, das Motto ist hier immer „Hauptsach gudd gess“.

Auf unserem weiteren Weg beobachteten wir den Bergungsversuch, eines auf Grund gelaufenen Frachtschiffs, das mittels zweier gigantischer Autokräne aus der Saar gehievt wurde.

Dann schlenderten wir am Fluss entlang zu der bekannten Biergarten-Institution Ulanen-Pavillon, wo wir einige Zeit plauderten und bei strahlendem Sonnenschein und einem „Zwickel“ der Musik eines Liedermacher-Duos lauschten. Wir gaben großzügiges Trinkgeld. Zum Weiterspielen versteht sich. Nach einem entspannten Nachmittag machten wir uns zum traditionellen Brauhaus „Stiefelbräu“ auf, das mitten in der Saarbrücker Altstadt lag. An einer langen Tafel konnte sich jeder, nebst selbst gebrautem Bier, für eine weitere saarländische Spezialitäten entscheiden.

Am Abend zeigte Saarbrücken sich von seiner geselligen Seite: bei den milden Temperaturen nutzten viele die Möglichkeit in Cafés und Restaurants draußen zu sitzen und die Altstadt bot hier reichlich Möglichkeiten.

Wer heute schon genug gelaufen war, setzte sich in eines der Bistros und wartete auf den Rest der Truppe, für die sich noch ein Stadtrundgang auf der anderen Uferseite anschloss: wir konnten die barocke Ludwigskirche und das stattliche Schloss ansehen, von dem aus man in der Ferne noch ein Feuerwerk beobachten konnte. Auch die Mannschaft rund um das zu bergende Schiff war noch immer zugange. Alle fanden sich anschließend im Bistro zusammen und der Tisch wurde einfach kurzerhand erweitert.

Gegenüber gab es Henrys Eismanufaktur, die vermutlich das leckerste Eis der Welt herstellte, da man sogar ganz im Westen der Republik eine beträchtliche Weile dafür anstehen musste.

Auch der Weg zurück zeigte uns ein solides Partyleben der Universitätsstadt: fast jede Kneipe in dem studentisch geprägten Nauwieserviertel erweiterte ihre Bar ein beträchtliches Stück auf die Straße hinaus. Beim Hotel angekommen musste noch Ömmes Bully eingeparkt und angeschlossen werden, womit auch der letzte Karateka eine Übernachtungsmöglichkeit hatte. Sogar das Bett von Michael, unserem Vorsitzenden, war endlich frei geworden. Später erfuhren wir, dass die Praktikanten hier nur unter der Woche bezahlt haben und am Wochenende gewöhnlich nach Hause fahren.

Am folgenden Tag tröpfelte die Truppe Karateka für Karateka zum Frühstück ein und auch wenn es manch einem verborgen blieb, es gab einen unerhört guten Latte Macchiato. Auch an diesem Tag wurden wir wieder von sensationellem Wetter verwöhnt. Das letzte Ausflugsziel der Tour war das 55 km entfernt gelegene Mettlach. Der Aussichtspunkt Cloef bot einen wunderbaren Blick über die 180 Meter tiefergelegene Saarschleife und der 2016 eröffnete Baumwipfelpfad schlängelt sich 800 Meter durch Eichen, Buchen und Douglasien, um sich in einem spiralförmig angelegten Turm weitere 42 Meter in die Höhe zu schrauben. Wir konnten hier einen atemberaubenden Blick über die Bergrücken des Naturparks Saar-Hunsrück bis hin zu den Vogesen genießen.

Das Hochwasser der vergangenen Tage hatte auch die Saar in ein farbliches Schlammbad gelegt. Ein kleines Mädchen pustete auf der Aussichtsplattform munter Seifenblasen in die Luft.

In jeder aufsteigenden Blase konnte man eine kleine Welt entdecken, die weißen Kumuluswolken, die wärmenden Sonnenstrahlen und die Saar, die in ihrem khakifarbenen Gewand ruhig ihre Schleife zog.

Jetzt hieß es Abschied nehmen, die Abenteuerlustigen unter uns zog es noch weiter durchs Saarland, der normale Karateka aber fuhr nun wieder heimwärts.

Danke Barbara für die tollen Ideen und die gute Organisation!

Vielen Dank an Sue für diesen informativen und tollen Artikel!